Ronzheimer ist der bessere Lanz. Denn Lanz muss Fernsehen machen, muss ständig neue Reize setzen, damit die Leute nicht wegzappen. Das Ronzheimer – Publikum will zuhören, braucht keine Bilder. – Warum dann eigentlich noch ein zusätzliches youtube-Format? Warum die Bebilderung der Talking Heads? Ronzheimers Gespräche bzw. Podcasts heben sich wohltuend ab von den kurzen, zugeschalteten Einsprengseln im heute-Journal, weil sich Ronzeheimer traut, eine Art „Sendung mit der Maus für Erwachsene“ zu machen. Das Riesenecho auf dieses Zuhör- und Hintergrundformat zeigt, dass viele Leute es eben ganz genau wissen wollen. Kurios ist, dass Ronzheimer damit eine Aufgabe erfüllt, die eigentlich bei den öffentlich-rechtlichen Medien angesiedelt scheint.
Kurios ist auch, dass bei linearen Radioprogrammen die Wortstrecken immer kürzer werden (gerade bei Formatradios) und bei staatstragenden Sendern (Deutschlandfunk, Deutschlandradio) immer nichtssagender. Der Grund ist klar: Ronzheimer muss keine Politiker interviewen. Ihm geht es offenbar nicht darum, einen staatstragenden Diskurs voranzutreiben (siehe DLF), sondern ihm geht es offensichtlich darum, verstehen zu wollen: Hintergründe, Motivationen, Querverbindungen. Das ist oft deswegen spannend, weil er und sein Team echte Experten „ausgraben“. Politiker finden wohltuenderweise bei Ronzheimer wenig statt. Denn die neigen dazu, lediglich Redundanzinhalte zum täglichen Nachrichtenbrei zu produzieren, ohne substanziell Neues zu sagen.
Dass die Themenauswahl nicht dem Proporz folgt sondern eher dem guten alten Boulevard-Mechanismus: geschenkt. Dass Ronzheimer einen persönlichen Ukraine-Byas hat: absolut verständlich, sympathisch und nachvollziehbar. Dass Themen wie Bildung, Kultur, Unterhaltung kaum vorkommen: nunja, man kann wohl nicht alles haben. Gut, dass Ronzheimer und sein Team reflektiert über den Medienbetrieb denken. Das bietet Stoff für noch mehr „Behind the scenes“: Wie funktioniert bei BILD der Balken; gibt es den immer noch? Wie und wo arbeiten Journalisten mit KI-Unterstützung; sollte man KI-Beiträge kennzeichnen oder nur diejenigen, in die nicht eingegriffen wurde? Wie kommt ein Foto warum auf die Seite 1 der FAZ? Mit wie vielen Leuten reist der Reporter Paul Ronzheimer ins Krisengebiet – und was machen die dann da alle mit verteilten Rollen? Was ist ein Stringer? Welche Rolle spielen Journalisten untereinander als Quelle („sog. Politische Beobachter“) ?
Da sind noch einige Perspektiven offen, um dem geneigten Zuhörer noch mehr Politikverständnis und Medienkompetenz zu vermitteln. Die Sendung mit der Maus läuft übrigens seit über 55 Jahren. Erfolgreich.