Debattenkultur - was war das eigentlich noch mal?


20 Jan
20Jan

DIE DEBATTENKULTUR. Es ist nur noch ein hohles Wort. Das merkt man beim Auseinandernehmen desselben. Debatte heißt schon mal: der andere darf auch reden. Und alle anderen hören zu. Stattdessen: Ständiges Durcheinanderbrüllen. Vor allem online - aber mittlerweile auch im analogen Leben. Debatte heißt auch: Argumente zählen, Sachlichkeit zählt, Fachwissen hilft. Stattdessen: Meinung toppt Sache; Haltung ist wichtiger als Argumentation. Und, bitte: Kultur! Darunter darf man ja wohl die aus- und weiterentwickelte Sprache verstehen. Ausgefeilte Rhetorik, Florett statt Säbel. Und was haben wir anstelle von Kultur? … Ersparen wir uns das und forschen nach Ursachen. 

DIE MEDIEN. Von Auflagendruck und Klickquote getrieben: Bedrohungs- und Befürchtungsjournalismus. Wenn vor 20 Jahren die Tagesschau lief, stiegen Minister aus Dienstautos und wieder ein. Heute droht immer irgendwas. Und es gibt ständig Streit, wo früher Auseinandersetzungen oder Meinungsunterschiede ausgereicht haben. 

DIE POLITIK. Treibt die Verschwurbelungs-Sprache in ungeahnte Höhen. Klartextsprecher wie die NRW-Gesundheitsminister Laumann oder CDU-Veteran Wolfgang Bosbach gehören einer aussterbenden Politikergeneration an. Vielleicht auch, weil sie entschieden konservativ sind. Alle anderen sind irgendwo in der Mitte. Ist nicht zuletzt auch der Großen Koalition geschuldet. Wo alle sich in der Mitte versammeln, gibt es eben rechts und links keine Positionen mehr, um die man (s. Debatte) ringen könnte. Das bietet Raum für Demokratieschädlinge rechts außen. Aber auch links außen.

DAS PUBLIKUM: Ist ungeduldig, twittert drauflos, bevor es nachdenkt. Bewegt sich in der digitalen Filterblase, glaubt lieber dem schlichten YouTube-Filmchen anstelle dem Hintergrundbericht in der Zeitung. Gucken ist ja auch einfacher als Lesen. Das Publikum ist verwöhnt und ungeduldig, teils anmaßend. Fast jeder hat den Anspruch, dass sein persönliches, ganz individuelles Problem das Wichtigste sei und bitte sofort erledigt werden muss (klappt ja in Fernsehserien auch innerhalb von Sekunden). Die Politik wiederum erkennt das und läuft immer kleiner werdenden Spezialzielgruppen mit Sonderlösungen hinterher; hoffend, dass sich das am Wahltag bitte auszahlen werden. Ein klares NEIN gibt es selten. Ein klares JA fast genauso selten. Stattdessen: diffuse Verschwurbelungssprache (s.o.) 

DIE SOZIALEN NETZWERKE. Sind keinesfalls „Soziale Medien“, denn in Medienorganisationen arbeiten ausgebildete Redakteure. Die sammeln, bewerten, filtern und prüfen Inhalte und verbreiten diese Inhalte dann in der Regel sehr verantwortungsbewusst. In Sozialen Netzwerken findet man keine Redakteure, nur Akteure. Unter den Akteuren dann noch die Profis. Zu Ihnen zählen Influencer, Werbetreibende, Agitatoren, Populisten. Der Rest wird am Nasenring durch die digitale Manege geführt. Und weil in Sozialen Netzwerken keine Redakteure arbeiten, wacht auch keiner über die Einhaltung einer zivilen Sprache. Die aber ist Grundvoraussetzung für Debattenkultur. 

DIE DEMOKRATIE wurde nicht zuletzt deswegen erfunden, um Krieg von den Schlachtfeldern in die Parlamente zu holen und damit unblutig zu machen. Wenn das mit der allgemeinen Sprachentwicklung, dem Niedergang der Debattenkultur so weitergeht wie bislang, beschreiten wir den Weg zurück in die Vergangenheit. Mark Zuckerberg trägt hier eine große globale Verantwortung. Und jeder einzelne von uns ebenfalls.

Ewald Prünte

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